Die Zeit des Grinsens ist angebrochen. Genauer gesagt, sie sind schon im Endspurt. Alle wollen sie am 27. September gewählt werden.
Parteilose Einzelbewerber zur Bundestagswahl machen mich immer neugierig – besonders, wenn sie einen Bezirk so flächendeckend angrinsen wie Yusuf Bayrak den Bezirk Neukölln. Der Mann hat entweder eine große Familie, oder einen großen Freundeskreis – oder er plakatiert selbst bei Tag und bei Nacht. So viel Fleiß lädt förmlich dazu ein, sich das persönliche Programm von Yusuf Bayrak zu Gemüte führen.

Der Kandidat ist 46, verheiratet und hat zwei Söhne. Vor rund 30 Jahren ist der Strahlemann aus der türkischen Provinz Cankiri nach Berlin gekommen.
Leider lebt dieser brave Mensch nicht in Bayern, denn er wäre der ideale Quotenmigrant für die CSU. So heißt es etwa auf seiner Internetpräsenz www.yusufbayrak.de :
Es wird weiterhin diskutiert, dass der Nachwuchs der Geselschaft abnimmt. Dies ist kein Zufall sondern ein Ergebnis der Spaßgesellschaft. Ich bevorzuge das Familienverhältnis aus Mann und Frau.
Übersetzung: „Ich grinse zwar viel, aber ich mache das nicht zum Spaß. Und übrigens – ich bin nicht schwul.“
Aber Moment mal, wen interessiert denn hier sein Privatleben? – Und wer fragt sich, ob er schwul ist, solange Yusuf Bayrak nicht vor einer Regenbogenfahne posiert?
Ganz einfach: Yusuf Bayrak ist lieb – und ein Meister der positiven Formulierung. Einer wie er würde niemals sagen: „Ich mag keine Schwuchteln“.
Er spricht sich auch nicht für oder gegen soziale Grundrechte aus, sondern für eine christlich-muslimische Kultur der Almosen:
Wie Sie an meiner Website sehen können, arbeite ich mit Arbeitsgemeinschaften zusammen. Sie können bei Organisationen wie der Diakonie, Caritas, muslimischen Seelsorgetelefon, Berliner Rotes Kreuz oder ähnliche Organisationen Hilfe erhalten.
Mein Anliegen ist es, dass wohlhabende Menschen die Hilfsbedürftigen ernst nehmen und sie unterstützen, damit Sie ebenfalls das Gefühl haben dieser Gesellschaft anzugehören.
Also kein „Must have“, sondern ein „Nice to have“. Denn Yusuf Bayrak weiß:
Wir werden auch nicht glücklich wenn wir sagen, mein Bier, mein Haus, mein Kuchen. Dies führt zum Egoismus.
Dabei ist es noch viel schlimmer, als er denkt. Es führt nicht nur zum Egoismus, es ist bereits Egoismus, ein Dach über dem Kopf haben oder gar Kuchen essen zu wollen. Auch ein Bier trinkt man in der Regel, um sich selbst etwas Gutes zu tun. Abgründe über Abgründe.
Nein, beim Thema Spaßgesellschaft versteht Yusuf Bayrak überhaupt keinen Spaß:
Das Größte Vermögen des Menschen ist das Denken. Niemand soll unser Denkvermögen mit Alkohol, Glücksspiel und der Spaßgesellschaft vermindern können.
Niemand soll das können? – Versucht uns Herr Bayrak hier durch die Blume zu sagen, dass er das verbieten will?
Die Spaßgesellschaft ist schwer zu fassen. das Glücksspiel hingegen ist eine Art Sondersteuer für Dumme. Über ein Verbot ließe sich reden.
Vielleicht wäre gerade das der Beginn einer sozialen Revolution, weil dann all jene gebeutelten Mitbürger auf die Barrikaden gehen würden, die bisher noch darauf gesetzt haben, irgendwann Lottokönig zu werden.
Aber was den Alkohol betrifft, möge Herr Bayrak sich doch bitte mal über die Auswirkungen der Prohibition in den USA informieren.
Trotzdem, der Mann hat Potenzial. Wenn die CDU clever gewesen wäre, hätte sie Yusuf Bayrak als Kandidaten für den Wahlkreis 83, Berlin-Neukölln verpflichtet.
Stattdessen geht die CDU hier mit einem grinsenden Eisblock namens Stefanie Vogelsang hausieren. Obwohl, die habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich ist sie gerade mal wieder überklebt worden.
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